Filter, Feed, Vergleich: Wie Social Media Essstörungen fördert
Social Media zeigt uns täglich scheinbar perfekte Körper, perfekte Mahlzeiten und ein perfektes Leben. Doch hinter den Bildern kann eine ganz andere Realität stehen. Andrea Ammann zeigt, wie aus Inspiration Vergleich, aus Vergleich Druck und aus Kontrolle schließlich eine Essstörung werden kann.
Ich erinnere mich an eine junge Frau, die zu mir in die Begleitung kam. Sie war Influencerin, erreichte mit ihren Beiträgen ein Millionenpublikum und zeigte online ein Leben, das auf den ersten Blick beneidenswert anmutete: Reisen, Beauty, Fitness, leckeres Essen und einen schlanken Körper. Auf einem ihrer Bilder präsentierte sie ihr Frühstück: ein Croissant mit Butter und Konfitüre, dazu eine heiße Schokolade. Ein wunderschöner Moment, irgendwo am Meer eingefangen. Alles schien leicht, frei und genussvoll.
Doch hinter diesem Bild sah es anders aus, wie sie mir erzählte. Die junge Frau litt seit Jahren unter einer schweren Essstörung. Das Frühstück hätte sie niemals einfach so gegessen. Hinter der scheinbaren Leichtigkeit lagen Essanfälle, ermüdendes Kotzen, Angst und ein enormer Druck. Denn während sie diesen inneren Kampf führte, war sie in ständiger Angst, dass ihre Sponsoren von ihrer Erkrankung erfahren könnten.
Ich habe mich damals gefragt: Was passiert mit den jungen Frauen und Mädchen – teils gerade mal 10 Jahre alt –, die ihr folgen und glauben, genau so müsse ein glückliches und gesundes Leben aussehen?
Aus einem vermeintlich harmlosen Bild wird schnell ein gefährlicher Maßstab
Wir wissen eigentlich, dass Social Media nicht die ganze Wahrheit zeigt. Wir sehen stets ausgewählte Momente, festgehalten mit Filter und aus perfekten Perspektiven. Während wir unseren eigenen Körper täglich ungefiltert erleben, sehen wir von anderen oft nur die unrealistische Version. Trotzdem vergleichen wir. Die schmale Taille des Fitness-Stars lässt uns dann schnell den eigenen Bauch kritischer betrachten. Die makellose Haut einer Beautyqueen lenkt unseren Blick auf unsere vermeintlichen Unreinheiten. Und das mühelose Frühstück einer Influencerin löst die Frage aus: Warum kann sie all das essen und trotzdem so schön aussehen?
Aus diesem gefährlichen Vergleich kann etwas entstehen, das viel tiefer geht: das Gefühl, selbst nicht zu genügen: Ich bin nicht schlank genug, nicht schön genug oder nicht diszipliniert genug. Und wenn wir glauben, dass mit uns etwas nicht stimmt, begeben wir uns auf die Suche nach einer Lösung.
Höre ich noch auf meinen Körper – oder folge ich nur noch Regeln?
Oft beginnt eine Essstörung schleichend: Wir möchten uns gesünder ernähren und mehr Sport treiben. Wir schauen diese beliebten “What I eat in a day”-Videos, interessieren uns für Clean Eating oder folgen Fitness-Accounts. Doch aus Inspiration können schnell Regeln werden, aus Regeln Kontrolle und aus Kontrolle eine Sucht.
Plötzlich geht es nicht mehr darum, was unserem Körper gut tut und ihn nährt, sondern darum, was wir tun müssen, um einem bestimmten Körperbild näherzukommen. Verzicht wird mit Härte und Disziplin verwechselt, Kontrolle mit Selbstfürsorge und ein dünner Körper mit echter Gesundheit. Aus einem einzelnen Instagramvideo entsteht ein Feed, der sich fast ausschließlich um Essen, Gewicht, Bewegung und Aussehen dreht.
Für hochsensitive Menschen, die bereits mit einem gestörten Selbstwert kämpfen, kann das fatale Folgen haben. Mädchen motivieren sich heutzutage gegenseitig in Online-Gruppen zum Hungern und teilen Tipps, wie man das Fasten einen weiteren Tag durchsteht. Natürlich ist Social Media nicht automatisch die Ursache einer Essstörung, aber es verstärkt Gedanken und Verhaltensweisen, von denen Betroffene dringend wegkommen sollten.
Schluss mit der Sucht nach Perfektion
Abstand von Instagram, TikTok und co. ist dafür die beste Wahl. Denn wir müssen die vielen Stimmen von außen erst leiser werden lassen, um unsere eigene wieder wahrzunehmen.
Das kann zunächst unangenehm sein. Denn wenn wir unsere Freizeit nicht mehr mit Scrollen verbringen, kommen vielleicht Gefühle hoch, die vorher keinen Raum hatten. Langeweile, Einsamkeit, Traurigkeit oder innere Unruhe lassen sich nicht mehr mit einer einfachen Daumenbewegung wegwischen. Doch gerade in solchen Momenten kann etwas Neues entstehen: echte Selbstfürsorge und Achtsamkeit: Was brauche ich? Was tut mir gut? Was wünsche ich mir?
Heilung und Selbstfürsorge bedeutet, wieder eine Beziehung zum eigenen Körper aufzubauen, ihm zuzuhören und wahrzunehmen, was in uns passiert: Hunger, Müdigkeit, Bedürfnisse, Grenzen. Nicht eine App, eine Waage oder der kritische Blick in den Spiegel sollen entscheiden, was wir brauchen. Wir müssen lernen, unserem Körper wieder zu vertrauen. Und wir müssen unseren Kindern schon viel früher einen Raum schaffen, in dem sie lernen, sich nicht selbst von außen zu bewerten, sondern ihre individuelle Großartigkeit zu entdecken. Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen vermitteln, dass ihr Wert nicht davon abhängt, wie sie aussehen, wie viel sie wiegen oder ob sie einem bestimmten ,Ideal’ entsprechen.
Doch Verantwortung endet nicht bei den Familien. Auch diejenigen, die eine große Reichweite haben, tragen sie. Ich wünsche mir deshalb mehr Influencerinnen und Influencer, die nicht aus jedem Körper eine unechte Botschaft erschaffen. Vorbilder müssen nicht perfekt sein, sie sollen echt sein. Wir brauchen weniger Menschen, zu denen wir aufschauen, weil sie scheinbar alles perfekt im Griff haben. Wir brauchen mehr Menschen, bei denen wir das Gefühl bekommen: Ich darf genauso sein, wie ich bin und bin gut genug.
Über die Autorin
Andrea Ammann ist Mentorin für Frauen mit Essstörungen, Autorin und gilt als Stimme für stille Krisen hinter perfektem Funktionieren. Nach fast zwanzig Jahren eigener Bulimie-Erfahrung lebt sie heute seit über zwei Jahrzehnten stabil und in allen Lebensbereichen frei. Sie begleitet leistungsstarke Frauen, die im Außen alles im Griff haben – und im Inneren nicht mehr können. Ihre Arbeit steht für Tiefe, Wahrhaftigkeit und die Rückkehr zu echter, gelebter Freiheit.



