Ein Hauch von Dracula im Münchner Osten
Haarer Spuren in Bram Stokers „Draculas Gast“ in Wikipedia verzeichnet
Haar – Lkr. München. Haar findet derzeit überregionale Beachtung. Nachdem das Institut der deutschen Wirtschaft die Stadt in seiner im Mai 2026 veröffentlichten Studie zur Daseinsvorsorge als die am besten versorgte Kommune in ganz Deutschland ausgezeichnet hatte, ist sie seit Kurzem auch indirekter Teil der Weltliteratur.
Die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia hat den Ort an der östlichen Stadtgrenze Münchens mit einem ganz besonderen Eintrag gewürdigt: Im dortigen Artikel zur Kurzgeschichte „Draculas Gast“ von Bram Stoker wird Haar als möglicher Schauplatz beziehungsweise als Teil der möglichen Reiseroute der Handlung erwähnt.
Die Aufnahme ist das Ergebnis einer historisch-literarischen Spurensuche des Haarer Stadtrats Dr. Peter Siemsen. Die Kurzgeschichte, die vermutlich als ursprüngliches Einleitungskapitel zu Stokers weltberühmtem Roman Dracula gedacht war, spielt im östlichen Münchner Umland. Anlässlich des 950-jährigen Jubiläums von Haar im Jahr 2023 warf Siemsen die Frage auf, ob die Kommune in der Erzählung eine Rolle gespielt haben könnte.
Der Ausgangspunkt seiner Spurensuche war eine Reise in die niederschlesische Stadt Ząbkowice Śląskie, das ehemalige Frankenstein. Der Ort gilt als historisches Zentrum des mitteleuropäischen Untotenglaubens und ist eng mit den kulturellen Wurzeln des Genres verbunden. Von dort aus spannte Siemsen den Bogen bis nach Haar.
„Auf derartige Spuren der Weltliteratur vor der eigenen Haustür zu stoßen, ist faszinierend. Dass die Reiseroute in ‚Draculas Gast‘ möglicherweise direkt durch unseren Ort führte, zeigt, wieviel Geschichte in vermeintlich alltäglichen Orten steckt.“
— Dr. Peter Siemsen
In Stokers Text wird die Flucht eines unbekannten englischen Reisenden vor Untoten aus einem Dorf im Münchner Umland beschrieben. Auch wenn Haar nicht ausdrücklich genannt wird, sprechen aus Sicht Siemsens die geografischen Hinweise dafür, dass Stoker eine Route entlang der heutigen Bundesstraße 304 gemeint haben könnte.
Der direkte Weg von München in die bewaldeten Gebiete des östlichen Umlands verläuft bis heute über die Wasserburger Straße. Die Bundesstraße 304 folgt einer sehr alten Fernverkehrsroute: der früheren Salzstraße, die später auch als Postkutschenverbindung München und Wien miteinander verknüpfte. Da Bram Stoker für seine Werke renommierte Reiseführer wie den Baedeker nutzte, liegt die Annahme nahe, dass ihm diese historische Route bekannt gewesen sein könnte.
Für Siemsen ist gerade die Verbindung zwischen einem weltbekannten literarischen Stoff und der Geschichte seiner Heimatstadt besonders reizvoll. Dass seine Spurensuche inzwischen auch Eingang in Wikipedia gefunden hat, verleiht der Hypothese zusätzliche öffentliche Aufmerksamkeit.
„Für mich war es eine echte Herzensangelegenheit, diese Hypothese ans Licht zu bringen und greifbar zu machen. Es ist ein spannender Brückenschlag zwischen regionaler Identität und einem weltbekannten Mythos.“
— Dr. Peter Siemsen
Die frühere Theorie, dass Bram Stoker durch das verschwundene Dorf Pachem – einen ehemaligen Ortsteil des heutigen Münchner Stadtbezirks Berg am Laim – zu der Kurzgeschichte inspiriert worden sein könnte, erfährt durch die Einbeziehung der Fernstraße B 304 eine interessante Erweiterung beziehungsweise Modifikation.
Ein endgültiger historischer Beweis steht zwar weiterhin aus. Doch Dr. Peter Siemsen hat mit seiner Spurensuche Haar in einen neuen literarischen Kontext gestellt und einen bemerkenswerten Bezug zwischen der Stadt und einem der berühmtesten Vampirmythen der Welt hergestellt.
Damit bekommt das Münchner Umland plötzlich einen Hauch von Transsilvanien – und die alltägliche Fahrt entlang der B 304 eine unerwartet schaurig-literarische Dimension.



