Geld, Selbstwert und Glaubenssätze: Warum Frauen sich noch immer selbst ausbremsen
Viele Frauen sind fachlich exzellent, engagiert und erfolgreich – und bremsen sich beim Thema Geld dennoch selbst aus. Nicht aus Unfähigkeit, sondern weil tief verankerte Glaubenssätze über Bescheidenheit, Anerkennung und darüber, „was einer Frau zusteht“, oft unbewusst stärker wirken als jede betriebswirtschaftliche Kalkulation.
Wer verstehen möchte, warum das eigene Einkommen häufig nicht der eigenen Kompetenz entspricht, sollte deshalb nicht zuerst auf die nächste Preisliste schauen, sondern auf den eigenen Selbstwert.
Der Satz, den kaum jemand ausspricht
„Wer bin ich, dass ich so viel verlangen darf?“
Dieser Gedanke wird nur selten laut ausgesprochen. Stattdessen zeigt er sich indirekt: in zu niedrig kalkulierten Honoraren, in Rabatten, um die niemand gebeten hat, oder im schlechten Gewissen nach einer erfolgreichen Preisverhandlung.
Dahinter steckt meist keine bewusste Entscheidung. Vielmehr sind es Prägungen aus Familie, Erziehung und gesellschaftlichen Rollenbildern, die sich als Selbstzweifel tarnen und am Ende wirtschaftliche Realität werden.
Selbstwert ist keine Eigenschaft, sondern eine Gewohnheit
Selbstwert wird häufig als etwas verstanden, das man entweder besitzt oder nicht besitzt. Tatsächlich ist er das Ergebnis vieler wiederholter Erfahrungen und erlernter Verhaltensweisen.
Viele Frauen haben über Jahre gelernt, sich zurückzunehmen, um nicht aufzufallen oder anzuecken. Diese Gewohnheit zeigt sich besonders deutlich beim Thema Geld, denn kaum etwas macht den eigenen Selbstwert so sichtbar wie die Preisgestaltung.
Eine Honorarerhöhung ist deshalb weit mehr als eine betriebswirtschaftliche Entscheidung. Sie ist auch die Erlaubnis, den eigenen Wert sichtbar anzuerkennen.
Glaubenssätze wirken, bevor der Verstand eingreift
„Über Geld spricht man nicht.“
„Sei lieber bescheiden.“
„Andere brauchen es nötiger.“
Solche Sätze wirken oft unbewusst weiter – selbst dann, wenn sie längst nicht mehr den eigenen Überzeugungen entsprechen.
Typische Anzeichen dafür sind:
- ein flaues Gefühl vor Preisverhandlungen,
- das reflexhafte Kleinreden der eigenen Leistung,
- Rabatte, die freiwillig angeboten werden,
- Erleichterung statt Enttäuschung über schlecht bezahlte Aufträge,
- das Bedürfnis, sich für eine Honorarerhöhung rechtfertigen oder entschuldigen zu müssen.
Diese Muster lassen sich selten allein durch Willenskraft verändern. Zunächst müssen sie erkannt und verstanden werden, bevor neue Verhaltensweisen entstehen können.
Warum Fachwissen allein nicht genügt
Viele Unternehmerinnen kennen ihre Zahlen, ihre Zielgruppe und ihre Preisstrategie – und handeln dennoch gegen ihr besseres Wissen.
Der Grund: Geldentscheidungen entstehen nicht ausschließlich im Kopf. Stress, Unsicherheit oder unbewusste Angst aktivieren körperliche Reaktionen, die rationale Entscheidungen erschweren.
Nachhaltige Veränderung entsteht deshalb nicht allein durch mehr Wissen, sondern auch dadurch, diese inneren Reaktionen bewusst wahrzunehmen und das Nervensystem zu regulieren. Bewegung, Tanz oder andere körperorientierte Methoden können dabei helfen, innere Anspannung zu lösen und neue, stabile Reaktionsmuster aufzubauen.
Ebenso wichtig ist die Kraft der Gemeinschaft. Über Geld, finanzielle Sorgen oder Preisgestaltung zu sprechen, gilt selbst unter Unternehmerinnen häufig noch als Tabu. Viele fürchten, dadurch unsicher oder weniger kompetent zu wirken.
Umso entlastender ist die Erfahrung, festzustellen, dass andere Frauen vor ganz ähnlichen Herausforderungen stehen. Dieser offene Austausch schafft Verständnis, stärkt das Selbstvertrauen und bildet häufig die Grundlage für nachhaltige Veränderung.
Das innere Team hinter Geldentscheidungen
Ein Ansatz, den ich für besonders wirkungsvoll halte, ist die Arbeit mit den Geld-Archetypen. Sie machen sichtbar, welche inneren Anteile aktiv werden, wenn es um Preise, Einnahmen oder Investitionen geht – und warum diese sich manchmal gegenseitig blockieren.
So stehen beispielsweise:
- der Star und die Romantikerin für Sichtbarkeit und Anerkennung,
- die Herrscherin und die Rebellin für Eigenständigkeit und Kontrolle,
- die Organisatorin und die Alchemistin für Struktur und Veränderung,
- die Heilerin und die Optimistin häufig dafür, die eigenen Bedürfnisse zugunsten anderer zurückzustellen.
Grundlage dieses Ansatzes ist die Archetypenlehre von C. G. Jung, der universelle, unbewusste Verhaltensmuster des Menschen beschrieben hat.
Finanzielle Entwicklung beginnt aus dieser Perspektive nicht in erster Linie mit Zahlenwissen, sondern mit der inneren Erlaubnis, Geld zu verdienen, zu behalten und Vermögen aufzubauen.
Wer seine drei dominierenden Geld-Archetypen kennt – mit ihren Stärken, Herausforderungen und Potenzialen –, gewinnt mehr Klarheit über das eigene Geldverhalten und schafft Raum für eine bewusste finanzielle Entwicklung.
Entscheidend ist dabei nicht, welcher Archetyp „besser“ ist. Freiheit entsteht vielmehr dann, wenn das innere Team zusammenarbeitet, anstatt gegeneinander.
Erfolg darf sichtbar sein
Ein Aspekt bleibt häufig unausgesprochen: Viele Frauen wünschen sich wirtschaftlichen Erfolg, fühlen sich jedoch unwohl dabei, ihn offen zu zeigen.
Diese Ambivalenz kostet nicht nur Energie, sondern oft auch Einkommen.
Wer wirtschaftlich wachsen möchte, muss sich Erfolg nicht nur wünschen, sondern ihn sich auch erlauben – sichtbar, selbstverständlich und ohne ihn ständig zu relativieren.
Genau dieses bewusste Ja zum eigenen wirtschaftlichen Wert ist häufig der eigentliche Wendepunkt – nicht die nächste Preisliste.
Über die Autorin
Iris Yasmine Harms ist Money Coach und begleitet Unternehmerinnen dabei, ein stabiles und erfüllendes Verhältnis zu Geld zu entwickeln. Ihr Fokus liegt auf finanzieller Bildung, Geldbewusstsein, klarer Preisgestaltung, Rentabilität und nachhaltigem Vermögensaufbau.
In ihrer Arbeit verbindet sie wirtschaftliche Klarheit mit innerer Stabilität, damit Frauen ihren beruflichen Erfolg auch finanziell selbstverständlich leben können. Dabei spielt die emotionale Ebene eine zentrale Rolle: Wer Scham, Schuldgefühle und Ängste erkennt und auflöst, verändert langfristig auch seine Haltung zum Geld – und schafft die Grundlage für nachhaltigen finanziellen Erfolg.



