ADHS. Langeweile & Monotonie – Gift für das Rennfahrergehirn

Ein inoffizielles Kapitel über ADHS

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Auf der Seite einer Praxis für ADHS/ADS liest sich folgendes Fallbeispiel:

[…] Ein ehemaliger Patient, Kellner von Beruf, wurde manchmal zum Besteck polieren verdonnert. Vier Kisten und über 3 Stunden lang ein und dieselbe Bewegung. Die letzten zwei seiner Kisten waren meistens unbrauchbar und mussten noch mal gespült werden, weil er zu dieser Zeit bereits völlig woanders mit dem Kopf war. Er schmiss Messer und Gabeln zusammen und vergaß zum Beispiel Essig für den Hochglanz nachzuschütten. Noch schlimmer sei es mit dem Falten von Stoffservietten. Diese erinnerten nach kurzer Zeit wohl eher an triste Vierecke als an sauber gefaltete Bestecktaschen.1

Ein Fallbeispiel direkt aus dem Berufsleben eines angehenden Werbetexters, der schreibt:

Nach der hundertsten Werbefloskel: »Hol Dir jetzt das neue iPhone XY mit tollem Vertrag bei Anbieter XY!« oder »Jetzt zum verkaufsoffenen Sonntag nach Hintertupfingen kommen und eine Waschmaschine gewinnen!« usw., wurde jedes weitere Tippen solcher Worte schließlich zum Martyrium.

»Normale« Menschen finden es meist übertrieben und wenig nachvollziehbar, sogar auch manchmal überheblich, wenn ich sage, dass diese Art von Arbeit tatsächlich körperliche Qualen in mir hervorruft und ich das nicht mehr tun kann. Aber so ist es. Ich bekam durch das tägliche Formulieren von unzähligen und sich wiederholenden Phrasen irgendwann heftige Rücken- und Nackenschmerzen sowie Schlafstörungen und mein Kopf fühlte sich wie Watte an. Für andere Aufgaben oder Hausarbeiten hatte ich keine Konzentration oder Ideen mehr. Ich war fix und fertig und stand kurz vor einem Bore-Out (Akute Unterforderung). So sehr quälte mich der auferlegte Zwang, immer wieder ein und dasselbe zu schreiben.«

Betroffenen Menschen könnten Sätze wie diese vielleicht bekannt vorkommen:

»Ich habe dir das so und so gesagt, du hast das nicht richtig gemacht!« – »Das ist total schludrig, konzentriere dich mal wieder!« – »So wollte ich das nicht.« – »Na toll, hätte ich es doch besser selbst gemacht.« – »Mach doch erst mal eins fertig.« – »Du verbreitest ein riesiges Chaos hier!«- »Lass dich doch nicht von allem ablenken!«

Für Nicht-Betroffene kann es manchmal schwer nachvollziehbar sein, dass Langeweile, Eintönigkeit und Monotonie einen Menschen so dermaßen fertig machen kann. Unter Umständen so sehr, dass die Freude und Motivation eines ganzen Tages verblasst.

Der erwähnte Werbetexter sagte dazu: »Ich wusste, wenn es so weitergeht, drehe ich durch. Ich konnte noch nie entspannt den Tag mit Nichtstun verbringen. Das machte mich wahnsinnig, löste Frustration, Zorn und Depressionen aus. Nicht zuletzt dadurch, dass das Verständnis und die Toleranz von neurotypischen Menschen oft auf der Strecke bleibt.«

1 https://www.neurofeedback-praxis-muenchen.de/adhs-langeweile-und-abwechslung/


Das unterstimulierte Gehirn

Auszug aus dem Buch Die wahren Stimmen eines »bunten« Defizits von Aimo Nyland:

»Mich interessiert […] selten was ich tue, weshalb meine beruflichen Tätigkeiten selten mein Belohnungssystem stimulieren.«2

Bei Menschen mit ADHS liegen Defizite im Belohnungssystem des Gehirns vor. Was bedeutet das?

Das neuronale Belohnungssystem des Gehirns befindet sich im sogenannten Nucleus accumbens (Vorderhirn) und ist für das Erzeugen von Glücksgefühlen verantwortlich.

Der erste Schluck Kaffee am Morgen, ein Stück Schokolade, das auf der Zunge zergeht, eine heiße entspannende Dusche nach einem frostigen Tag draußen… All das wären Beispiele, die das Belohnungssystem ansprechen. Der wichtigste Mitspieler hierbei ist der Botenstoff Dopamin. Er zählt neben Serotonin und Noradrenalin zu den sogenannten »Glückshormonen«. Werden diese ausgeschüttet, fühlen wir uns toll, sind motiviert, zufrieden – fern von Langeweile, Frust oder Niedergeschlagenheit. Eine größere Menge dieser Glückshormone erzeugt dann den recht bekannten »Adrenalin-Kick«.

Im Alltag kann es normal sein, dass man nicht jeden Tag wiederkehrende Glücksmomente erlebt. Es ist normal, dass sich irgendwann Routine, gar Monotonie einschleicht. Konstante Wiederholungen kennt wohl jeder. Positive Wiederholungen finden sich in vertrauten Ritualen wie dem täglichen Kochen und Genießen des Morgenkaffees. Negative Wiederholungen findet man hingegen zum Beispiel im täglich hundertfachen Aufdrücken eines Stempels auf Formulare.

Letztere Tätigkeit dürfte bei den wenigsten Menschen ein Glücksgefühl auslösen und das Belohnungszentrum im Gehirn wird dadurch natürlich auch eher geringfügig angesprochen, sprich: Dopamin und Co werden kaum bis gar nicht ausgeschüttet. Ein ADHS-Gehirn erlebt diese Unterversorgung mit Dopamin ungleich intensiver. Und das kann weitere Symptome auslösen – sowohl psychosomatische als auch körperliche.

2 Aimo Nyland: „Die wahren Stimmen eines »bunten« Defizits“, Seite 88, Zeile 18 – 20


Langeweile – eine Höllenqual

Wie kann Langeweile und Monotonie eine solche Belastung sein? Zunächst die Frage: Was bedeutet Monotonie und Langeweile konkret? Wikipedia erklärt es so:

»Monotonie (Psychologie) – psychologischer Begriff für einen Zustand herabgesetzter psychischer Aktivität, der im Alltag als einförmig, langweilig, stumpfsinnig, öde, ermüdend empfunden wird.“3

»Langeweile, auch (österr.) Fadesse oder (franz.) Ennui [ɑ̃ˈny ̆iː], ist das unangenehme Gefühl, das durch erzwungenes Nichtstun hervorgerufen wird oder bei einer als monoton oder unterfordernd empfundenen Tätigkeit aufkommen kann.«4

Jessica Lauren McCabe, amerikanische Schauspielerin und Moderatorin des Youtube-Kanals »How to ADHD« sagt zum Thema Langeweile Folgendes:

»Jeder langweilt sich mal. Menschen jedoch, die an ADHS leiden, neigen dazu, sich oft zu langweilen.»

Nach Ansicht des Psychologen Dr. Patrick LaCount entsteht Langeweile, wenn unser Gehirn nicht genügend stimuliert wird, um interessiert zu bleiben und sich auf die aktuelle Aufgabe zu konzentrieren.

Die Aufmerksamkeit schwer regulieren zu können ist eines der Hauptmerkmale bei ADHS. Grund ist eine sogenannte striatofrontale Dysfunktion. Ein von ADHS betroffenes Gehirn ist chronisch unterstimuliert, was die Anfälligkeit für Langeweile erhöht. Konkret bedeutet das: wenn ein ADHS-Betroffener etwas tut, das die meisten Menschen als ein wenig langweilig empfinden würden, kann es für den Betroffenen so schmerzhaft langweilig sein, dass es kaum zu ertragen ist.

Dr. LaCount zufolge […] wird Langeweile bei ADHS auch mit negativen emotionalen Erfahrungen wie Wut, Depression und Angst in Verbindung gebracht. Zusätzlich werden exekutive Funktionen umfasst, die auf Stimulation angewiesen sind.

Ein ADHS-Betroffener empfindet Langeweile, Inaktivität oder Wiederholung nicht nur als quälend, sein Gehirn funktioniert generell weniger gut, wenn er sich langweilt. Als Folge wird das Gehirn von Unruhe geflutet, was in Panikattacken oder völliger Verzweiflung resultieren kann. Ist eine Aktivität anregend bzw. von großem Interesse, stimuliert dies auch die Dopaminrezeptoren und Betroffene fühlen sich besser.

3 https://de.wikipedia.org/wiki/Monotonie_(Psychologie) 4 https://de.wikipedia.org/wiki/Langeweile

Wenn die Aktivität oder die Aufgabe hingegen nicht ansprechend genug ist, suchen Betroffene gerne nach alternativer Stimulation. Stimulation, die den notwendigen Dopaminmangel ausgleicht. Und in nicht wenigen Fällen sind das dann welche, die dem Körper in anderer Art und Weise schaden. Beispielsweise Drogen oder Extremsportarten.

Neurotypischen Menschen mag das seltsam vorkommen. Für das ADHS-Gehirn ist es hingegen absolut sinnvoll. Es handelt sich hierbei eben um einen Mechanismus zur Bewältigung.

TBC…

»Während Veränderung, die meisten ängstigt, ist sie uns ein willkommenes und notwendiges Instrument zur Aufrechterhaltung unserer seelischen Gesundheit.«

– Jean-Maurice Cecilia-Menzel


Quellen:

Jessica Lauren McCabe Präsenzen:

https://www.facebook.com/howtoadhd, https://twitter.com/howtoadhd, https://www.patreon.com/howtoadhd Beitrag speziell zur Langeweile von Jessica Lauren McCabe: https://www.youtube.com/watch?v=CaG5XjyWc8c

Offizieller youtube-Kanal:

https://www.youtube.com/@HowtoADHD

Übersetzungs-Tool: DeepL, Korrektur: Verfasserin des Textes

https://www.neurofeedback-praxis-muenchen.de/adhs-langeweile-und-abwechslung/ https://www.adxs.org/de/page/13/das-projekt-adxsorg

https://de.wikipedia.org/wiki/Monotonie_(Psychologie) https://de.wikipedia.org/wiki/Langeweile

Aimo Nyland: „Die wahren Stimmen eines »bunten« Defizits“, ISBN-10: 3755757672

Bildquelle: https://unsplash.com/de/fotos/Pe4gh8a8mBY

An dieser Stelle entrichte ich meinen großen Dank an den Autor Aimo Nyland für seine Hilfe beim Redigieren meines Textes!

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2 Kommentare

  1. sehr, sehr interessant. Für jemanden der mit ADHS bis jetzt nichts zu tun hatte, ist dies ganz neu.
    Bitte Senden sie mir weitere Informationen, damit ich ADHS besser verstehe.

    Dankeschön

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